Elinor Ostrom (1933 – 2012)
Elinor Ostrom war eine US-amerikanische Politikwissenschaftlerin. Sie wurde 1933 in Los Angeles geboren. Während ihres Studiums an der University of California in Los Angeles (UCLA) musste sie Hindernisse überwinden, da die Wissenschaft noch von Männern dominiert war. Für ihre Forschung zu der Verwaltung gemeinschaftlich genutzter Ressourcen und den Bedingungen erfolgreicher Selbstorganisation erhielt Elinor Ostrom 2009 als erste Frau den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.
Hauptwerk
Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action (1990)
Geschichtlicher Kontext
Wirtschaft: Ostrom wurde während der Weltwirtschaftskrise geboren und wuchs in einer von deren Folgen und vom Zweiten Weltkrieg geprägten Zeit auf. Die Liberalisierung des Welthandels sowie marktwirtschaftliche Reformen in Deutschland und Japan nach dem Zweiten Weltkrieg erlaubten es, die Krise der 1930er Jahre dauerhaft zu überwinden. Gleichzeitig wurden die negativen Begleiterscheinungen des Wachstums in Form von Umweltzerstörung sichtbar.
Gesellschaft: Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm mit dem starken Wirtschaftswachstum die Bedeutung von Bildung und Wissenschaft zu. Frauen emanzipierten sich und wurden zunehmend berufstätig. Mit dem steigenden Wohlstand stieg das Interesse am Schutz der Umwelt. Die Ölkrisen der 1970er-Jahre stärkten das Bewusstsein, dass die Ressourcen begrenzt sind.
Politik: Der Kalte Krieg prägte die politische Debatte. Entlang dem Eisernen Vorhang, der sich durch das geteilte Deutschland zog, standen sich zwei verfeindete Blöcke gegenüber. Im Westen gab es Marktwirtschaften, in denen die Menschen ein großes Maß an Freiheit und Wohlstand genossen. Im Osten herrschte in den planwirtschaftlichen Systemen Mangel vor, die politischen Freiheiten waren stark eingeschränkt. Während in den 1950er-Jahren noch nicht klar war, welches System überlegen sein würde, gewannen die Marktwirtschaften zunehmend die Oberhand.
Kerngedanken
Gemeinschaften können gemeinsame Ressourcen selbst nachhaltig nutzen: Menschen zerstören nach Ostrom nicht zwangsläufig egoistisch gemeinsame Ressourcen. Wenn die Menschen langfristig von einer Ressource abhängig sind, haben sie ein Interesse, diese zu erhalten. Sie können deshalb gemeinsame Regeln für die Nutzung entwickeln und deren Einhaltung gegenseitig kontrollieren. Würden beispielsweise alle Fischer so viele Fische wie möglich fangen, wären die persönlichen Einkommen kurzfristig hoch, aber die Bestände schnell erschöpft. Ostrom zeigte, dass viele Gemeinschaften Fangmengen begrenzen, Schonzeiten festlegen und Fanggebiete schützen. Wer sich nicht an die Regeln hält, muss mit Sanktionen rechnen. Dadurch bleiben die Fischbestände langfristig und damit die Lebensgrundlage aller erhalten.
Privatisierung und staatliche Regulierung sind nicht die einzigen Lösungen: In der traditionellen ökonomischen Betrachtung erscheinen oft zwei Lösungen: Entweder wird eine Ressource privat genutzt oder der Staat reguliert die Nutzung. Ostrom zeigte als dritten Weg die gemeinschaftliche Selbstverwaltung. Lokale Nutzer können oft selbst die besten Lösungen finden, weil sie ihre Umwelt und ihre Bedürfnisse besser kennen als zentrale Regulierungsbehörden oder externe Unternehmen.
Institutionen ermöglichen dauerhafte Kooperation: Ostrom glaubte nicht, dass Kooperation automatisch entsteht. Damit Menschen zusammenarbeiten, braucht es sogenannte Institutionen, also Regeln, Normen und Verfahren, die das Zusammenleben verlässlich ordnen. Gute Institutionen schaffen Vertrauen, Transparenz und Verbindlichkeit.
Bezug zu heute
Staatlich verordneter Umweltschutz: Ostroms Forschung spricht gegen die Annahme, dass Umweltprobleme ausschließlich durch zentrale staatliche Regulierung gelöst werden können. Lokale Akteure verfügen häufig über Wissen über die jeweiligen Bedingungen vor Ort und können wirksame Regeln für den Umgang mit Ressourcen entwickeln. Ostrom plädierte jedoch nicht grundsätzlich gegen staatliche Regulierung. Vielmehr können in polyzentrischen Systemen lokale, regionale, nationale und internationale Institutionen gleichzeitig zur Lösung von Umweltproblemen beitragen.
Überregulierung: Die Regulierung ist seit der Jahrtausendwende nochmals stark angewachsen. Zentral, oft auf der Ebene der EU, geschaffene Regulierungen werden oft den Bedürfnissen der Menschen und den unterschiedlichen Bedingungen vor Ort nicht gerecht. Ostrom zeigte, dass kleine Gemeinschaften vor Ort Regeln entwickeln können, die bürokratische Regulierungswerke unnötig machen.
Es gibt keine universelle Patentlösung: Ostrom war skeptisch gegenüber dem Gedanken, dass man für komplexe gesellschaftliche Probleme eine einzige optimale Lösung entwerfen kann. Was funktioniert, hängt von der Ressource, der Gemeinschaft, der Geschichte und den lokalen Bedingungen ab.