Walter Eucken zählt zu den bedeutendsten deutschen Ökonomen des 20. Jahrhunderts und ist ein wichtiger Vertreter des Ordoliberalismus. Er wurde in Jena als Sohn des Philosophen und Literaturnobelpreisträgers Rudolf Eucken geboren. Er studierte Nationalökonomie, Geschichte und Rechtswissenschaft. Ab 1927 lehrte er als Professor an der Universität Freiburg und wurde dort zum Mitbegründer der sogenannten Freiburger Schule des sogenannten Ordoliberalismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten seine Arbeiten die wissenschaftliche Basis für die Schaffung einer marktwirtschaftlichen Ordnung in Westdeutschland.
Hauptwerk
Die Grundlagen der Nationalökonomie (1940)
Grundsätze der Wirtschaftspolitik (1952)
Geschichtlicher Kontext
Wirtschaft: Walter Eucken erlebte die Entwicklung Deutschlands zu einer modernen Industriegesellschaft, die Hyperinflation von 1923, die Weltwirtschaftskrise, die zentrale Wirtschaftssteuerung im Nationalsozialismus sowie den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenbruch nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Erfahrung wirtschaftlicher Machtkonzentration und der zunehmenden staatlichen Lenkung der Wirtschaft prägte sein wirtschaftspolitisches Denken.
Gesellschaft: Gesellschaftlich erlebte Eucken das Kaiserreich, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit. Kriege, soziale Unsicherheit und politische Radikalisierung prägten das Leben vieler Menschen. Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte der Aufbau unterschiedlicher Wirtschaftssysteme das Leben der Deutschen in West und Ost (Marktwirtschaft versus Planwirtschaft) auf sehr unterschiedliche Weise.
Politik: Unter dem Nationalsozialismus blieben die Unternehmen meist privat, unterstanden aber zunehmend staatlicher Kontrolle. Besonders die Rüstungsindustrie, der Maschinenbau sowie die Stahl- und Chemieindustrie wurden massiv ausgebaut. Politisch einflussreiche Menschen bereicherten sich an den Vermögen der verfolgten jüdischen Bevölkerung. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Wirtschaft auf militärische Bedürfnisse ausgerichtet und beruhte zunehmend auf der Ausbeutung besetzter Gebiete einschließlich Zwangsarbeit. Um trotz starkem Geldmengenwachstum Inflation zu verhindern, wurden die Preise fixiert sowie Waren rationiert.
Kerngedanken
Ordnungspolitik bedeutet, dass der Staat die Rahmenbedingungen und Spielregeln für die Wirtschaft festlegt, anstatt einzelne wirtschaftliche Prozesse direkt zu steuern. Nach Eucken mussten sieben konstituierende Prinzipien einer marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig erfüllt sein, damit eine Marktwirtschaft ihre volle Wirkungskraft entfalten kann: Freie Preise, stabile Währung, offene Märkte (Wettbewerb), Privateigentum, Vertragsfreiheit, Haftungsprinzip und Konstanz der Wirtschaftspolitik. Innerhalb eines für alle gleichen rechtlichen Rahmens sollte der Staat Fehlentwicklungen wie Monopolbildung, Umweltverschmutzung oder zu große soziale Ungleichheit korrigieren.
Wettbewerb als zentrales Ordnungsprinzip: Walter Eucken war überzeugt, dass freier Wettbewerb die Konzentration wirtschaftlicher Macht verhindert, Innovationen fördert und die Wahlfreiheit der Verbraucher sichert. Im Wettbewerb um die Kunden bieten Unternehmen gute und innovative Produkte zu möglichst niedrigen Preisen an. Verbraucher können durch ihre Wahlfreiheit entscheiden, welche Produkte produziert werden – und welche nicht.
Freiheit durch Rechtsstaatlichkeit: Eucken sah individuelle Freiheit und persönliche Verantwortung als zentrale Werte einer Gesellschaft. Wirtschaftliche und politische Freiheit sind eng miteinander verbunden. 1948 wurde durch die Wirtschafts- und Währungsreform unter Ludwig Erhard in Westdeutschland die wirtschaftliche Freiheit begründet. Das Grundgesetz garantierte ab dem Jahr 1949 die politischen Freiheiten. Das Ergebnis waren das Wirtschaftswunder und ein für Deutschland historisch hohes Wohlstandsniveau. Die harte Deutsche Mark, deren Stabilität von der Deutschen Bundesbank konsequent verteidigt wurde, war das Rückgrat des wirtschaftlichen Erfolgs Westdeutschlands.
Bezug zu heute
Verlust wirtschaftlicher und persönlicher Freiheiten: Seit der europäischen Finanz- und Schuldenkrise (ab 2009) hat eine zunehmend expansive Geld-, Finanz- und Regulierungspolitik die konstituierenden Prinzipien der marktwirtschaftlichen Ordnung zunehmend unterhöhlt. Das Wachstum ins Stocken geraten, die Ungleichheit ist gewachsen und der Wohlstand ist gefährdet. Die politische Polarisierung hat zugenommen.
Digitale Monopole und Plattformökonomie: Euckens Kritik an Monopolen lässt sich direkt auf Konzerne wie Amazon und Airbnb übertragen, die große Markteintrittsbarrieren schaffen.
Demokratie und Machtkonzentration: Eucken betonte, dass die Verbindung von wirtschaftlicher und politischer Macht schädlich ist. Heute wird über den Einfluss großer Konzerne, Lobbygruppen oder vermögender Einzelpersonen auf politische Entscheidungen diskutiert. Die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank Verteilungseffekte zugunsten reicher Menschen bewirkt.